„Am meisten Spaß hat es gemacht, William Gibsons wunderbaren Humor ins Deutsche zu übertragen.“

Die Worte und Gedanken eines anderen Menschen in die eigene Sprache übertragen und für Leser zugänglich machen ist keine leichte Aufgabe. Nach der Lektüre von William Gibsons Systemneustart fragten wir uns, wie das Übersetzerehepaar Hannes und Sara Riffel bei dem Roman vorgegangen sind und was sie als erfahrene Science-Fiction-Leser und -Übersetzer von dem Roman halten. Freundlicherweise standen uns die beiden Rede und Antwort.

Was hat Sie an Sci-Fi interessiert und wie sind Sie dazu gekommen, bei Klett-Cotta Übersetzer zu werden?

Hannes Riffel: Ich bin seit meiner Kindheit SF-Leser, und mal abgesehen davon, dass ich durchs Weltall rasende Raumschiffe und Beschreibungen exotischer Planeten immer noch cool finde, fasziniert mich an der etwas erwachseneren Science Fiction die Möglichkeit, über Gesellschaftsentwürfe zu spekulieren und Menschen in ungewöhnlichen Situationen zu „beobachten“. Mit der Übersetzerei habe ich vor 20 Jahren angefangen, erst mit Jugendbüchern bei Herder, dann mit SF und Fantasy für Lübbe, Piper, Heyne und inzwischen eben auch Klett-Cotta und Suhrkamp. Zwischendurch war ich mal vier Jahre lang Fantasy-Programmberater bei Klett-Cotta, daher auch die guten Beziehungen zu diesem Verlag.

Sara Riffel: Ich lese Science Fiction ebenfalls seit meiner Kindheit. Die spannende Frage: „Was wäre wenn?“ erlaubt es dem SF-Autor, unsere Gesellschaft aus ungewöhnlichen Blickwinkeln zu zeigen, gegenwärtige Entwicklungen in die Zukunft zu denken und interessante Gedankenexperimente zu entwerfen. Die SF (jedenfalls die anspruchsvolle, obwohl natürlich auch die unterhaltende Weltraum-SF ihre Berechtigung hat) ist für mich deshalb von jeher eine Literatur, die einen dazu bringt, aus dem eigenen Schubladendenken auszubrechen und sich mit den wichtigen Fragen unserer Zeit zu befassen. Mit dem Übersetzen habe ich während meines Studiums angefangen, um dann nach meinem Abschluss in Nordamerikanistik als Übersetzerin und Lektorin zu arbeiten. Systemneustart ist unsere zweite gemeinsame Übersetzung für Klett-Cotta.

Hatten Sie ein persönliches Interesse daran, dieses Buch zu übersetzen?

Hannes Riffel: Ich schätze Gibson als visionären Autor sehr, weshalb es ebenso eine Ehre wie eine Herausforderung war, ihn zu übersetzen. Allerdings gibt er einem Übersetzer auch eine Menge harter Nüsse zu knacken – viele seiner Metaphern und Wortneuschöpfungen sind sehr in der englischen Sprache verwurzelt, und für’s Deutsche muss man sich dann manchmal etwas völlig anderes ausdenken. Prinzipiell ist es für einen Übersetzer auch unter „Karrieregesichtspunkten“ toll, einen Autor von diesem Rang übersetzen zu dürfen.

Sara Riffel: Seit Neuromancer gilt Gibson als einer der großen „Kultautoren“ der fantastischen Literatur. Einer, der sich schon immer an der Grenze zwischen SF und anspruchsvoller Gegenwartsliteratur getummelt hat. Nicht nur seine letzten drei Romane beweisen, dass er aktuelle Trends und Entwicklungen unserer Gesellschaft auf sehr scharfsinnige Weise zu analysieren versteht. Einen solchen Autor zu übersetzen ist etwas, das einen erstmal mit einer gewissen Ehrfurcht erfüllt. Aber zugleich ist es auch eine sehr lohnenswerte Aufgabe. Und natürlich steht man damit als Übersetzer ganz anders im Licht der Öffentlichkeit, als wenn man „nur“ Unterhaltungsliteratur übersetzt.

Haben Sie Gibson bei der Arbeit am Buch kennengelernt? Was für einen Eindruck hatten Sie von ihm?

Hannes Riffel: Kennengelernt ist übertrieben – er hat zwei, drei E-Mails mit Fragen zu Übersetzungsproblemen und Unstimmigkeiten in der Handlung beantwortet. Dabei war er sehr höflich und genau. Allerdings sollte man auch bedenken, dass er in zahlreiche Sprachen übersetzt wird und nur begrenzt Zeit für Bücher hat, die für ihn eigentlich schon „erledigt“ sind. Ich würde mich jedenfalls sehr freuen, ihn einmal zu treffen, wozu sich vielleicht bei einer Lesung in Deutschland die Gelegenheit ergibt.

Wie sind Sie bei der Übersetzung vorgegangen, gerade auch zu zweit? Besonders mit der Schwierigkeit, dass die anderen beiden Teile der Trilogie von anderen Übersetzern übersetzt wurden?

Hannes Riffel: Wir haben natürlich die beiden ersten Bände gelesen, meine Frau auf Deutsch, ich auf Englisch, und dann haben wir uns die Handlungsstränge aufgeteilt, was bei diesem Roman sehr gut ging. Ab einem bestimmten Punkt habe ich dann die Rohübersetzung übernommen, und parallel und abschließend haben wir wechselweise alles diskutiert und überarbeitet. Die Übersetzung von Mustererkennung halte ich für sehr gelungen, die von Quellcode im Detail nicht ganz so, aber eigentlich gab es keine Probleme, uns terminologisch an die Vorgaben der Kolleginnen zu halten. Dabei war es auch sehr nützlich, dass uns mit Max Dorner derselbe Lektor zur Seite stand, der auch schon Quellcode betreute. Er hat uns sehr genau auf die Finger geschaut und viele hilfreiche Hinweise gegeben.

Sara Riffel: Die Aufteilung des Buches in zwei Handlungsstränge, die jeweils aus der Sicht der Hauptfiguren Milgrim und Hollis erzählt werden, hat uns die Arbeit am Buch erleichtert. So konnte jeder von uns einen Handlungsstrang übernehmen, was den Vorteil hatte, dass man sich als Übersetzer über eine längere Strecke auf eine bestimmte Erzählstimme einlassen konnte. Dadurch war die Gefahr geringer, dass es innerhalb des Textes zu stilistischen Brüchen kommt. Am Ende haben wir dann gegenseitig unsere Texte überarbeitet und bestimmte wiederkehrende Formulierungen angeglichen. Außerdem konnten wir natürlich auf unseren Lektor bei Klett-Cotta zählen, der schlussendlich auch dafür gesorgt hat, dass alles „wie aus einem Guss“ klingt.

Was hat Ihnen dabei Spaß gemacht, was war besonders schwierig für Sie? Wie lange haben Sie dafür gebraucht?

Hannes Riffel: Wir haben am 1.11.2010 mit der Übersetzung angefangen und am 4.2.2011 abgegeben. Allerdings haben wir nebenher auch noch andere Dinge erledigt (wir arbeiten beide auch als freie Lektoren), weshalb sich die reine Arbeitszeit schlecht einschätzen lässt. Grundsätzlich macht es sehr viel Spaß, einen Autor wie Gibson zu übersetzen, der sehr bewusst mit Sprache umgeht. Allerdings ist so ein Buch auch eine Gratwanderung, denn die Terminologie und Bilderwelt hat oft keine deutschen Entsprechungen. Außerdem war der Rechercheaufwand sehr hoch, da jeder Anspielung auf Marken, Medien etc. nachgegangen werden musste. Frustrierend konnte manchmal sein, dass das Lektorat des Originaltextes nicht sehr aufmerksam war, denn da gab es ein paar Widersprüche und Unsauberkeiten, die wir (natürlich nach Rücksprache mit dem Autor) ausräumen mussten.

Sara Riffel: Am meisten Spaß hat es gemacht, William Gibsons wunderbaren Humor ins Deutsche zu übertragen. Dieser unterschwellig ironische Ton, der einen Großteil des Textes besonders – in den Milgrim-Passagen – begleitet, ist eines der Kennzeichen des Autors und sollte natürlich möglichst auch auf Deutsch erhalten bleiben. Das ist nicht immer ganz einfach, weil es eben für viele Witze und Wortspiele keine direkten deutschen Entsprechungen gibt. Da muss man dann improvisieren und eventuell Alternativen finden. Mit den Anspielungen auf Marken, die bei Gibson sehr häufig vorkommen und ebenfalls einen wichtigen Aspekt seiner Bücher ausmachen, ist es ähnlich. Da muss man sich als Übersetzer dann häufig die Frage stellen: Kann ich das so stehen lassen? Versteht das der deutsche Leser, der sich mit amerikanischen Marken jenseits von Coca Cola und McDonald’s möglicherweise nicht so gut auskennt? Hier sind also immer wieder Entscheidungen gefragt, die wir teilweise auch in Rücksprache mit dem Autor getroffen haben.

Warum haben Sie sich ausgerechnet Systemneustart als deutschen Titel ausgesucht?

Hannes Riffel: Der Titel stammt vom Verlag, was so üblich ist. Wir wurden im Vorfeld gefragt, aber uns ist ehrlich gesagt nichts Passenderes eingefallen.

Wie ist Ihre eigene Meinung zu dem Buch?

Hannes Riffel: Ich fand Pattern Recognition umwerfend, von der Hauptfigur über die mit Zukünftigem aufgeraute Oberfläche der Gegenwartswelt bis hin zur unglaublichen sprachlichen Eleganz. Bei Spook Country hat mir Milgrim eine Menge Spaß gemacht, und auch Hollis Henry ist eine tolle Figur, aber insgesamt war mir die Handlung zu dürftig und die Idee mit der „Localized Art“ zu breitgetreten. Zero History hat m. E. dasselbe Problem – zu viel Kapriolen und Anspielungen, zu wenig Plot. Dafür ist jede Szene mit Heidi Hyde ein Genuss, und insgesamt bildet Gibson die mediale Durchdringungen unserer Lebenswelt mit einer Perfektion ab wie kein anderer Autor, den ich kenne.

Sara Riffel: Auf der reinen Handlungsebene hat der Roman, ebenso wie die Vorgänger, sicher so einige Schwächen. Da wirkt manches zu schnell hingeworfen und überhastet erzählt. Ich finde aber, dass der Roman darüber hinaus in vieler Hinsicht interessante Fragen und Ideen aufwirft, besonders was den Einfluss von Mode, Trends und Markenbewusstsein auf unsere Gesellschaft betrifft. Das habe ich noch bei keinem Autor so konsequent und durchdacht umgesetzt gesehen. Insofern vermittelt der Roman – eigentlich die ganze Serie von Pattern Recognition bis Zero History – ein Abbild einer Welt von Oberflächen und Oberflächlichkeiten, in der eine Reihe von Figuren (Cayce Pollard in Pattern Recognition und natürlich vor allem Hubertus Bigend von Blue Ant) nach den zugrunde liegenden Prinzipien und Mechanismen suchen. Und das ist äußerst spannend und oft auch erhellend.

Vielen Dank, dass Sie sich für unsere Fragen Zeit genommen haben!

V.S. und A.B.

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