Irrungen und Wirrungen

Beim Lesen fragte ich mich immer wieder: Soll das das Werk des Mannes sein, der in den achtziger Jahren den Cyberspace entwarf? Mit diesen Zukunftsvisionen hat William Gibson eindeutig nicht mehr viel zu tun. Nicht aufgrund der Tatsache, dass seine Romane inzwischen in der Gegenwart spielen, sondern aufgrund der Tatsache, dass Gibson zu einer eigenwilligen Ausgestaltung seines Romanes neigt. Sein Konzept für Systemneustart lautete wohl: Inhaltliche Verworrenheit. Egal wann. Egal wie. Egal wo. Am Besten ständig.

Im Zentrum der Erzählung stehen die Verehrung von Geld, Ware und Macht sowie ein durch Besitz bestimmtes Sein. Verstanden? Nein? Gut. Ich auch nicht. Nicht einmal nach einer längeren Phase der Auseinandersetzung mit dem Text.
Eine inhaltlich zusammenfassende Komponente soll das ganze hier nicht haben, denn es ist bereits bekannt, dass sich Hollis mit Milgrim im Auftrag von Bigend auf die Suche nach dem angesagten Underground-Label „Gabriel Hounds“ machen.
Eine Suche beginnt, die nicht nur chaotisch in sich selbst ist, sondern auch von chaotischen Figuren initiiert wird. Eine ehemalige Rocksängerin, ein ehemaliger Drogenabhängiger mit gängiger Erfahrung außerhalb der Legalität und ein ehemaliger Basejumper mit kaputtem Bein. Dass sie längere Zeit nichts über Hounds in Erfahrung bringen können, ist genauso erschütternd wie die Tatsache, dass Britney Spears wieder zugenommen hat. Klar, denn Hounds stehen nicht zum öffentlichen Verkauf zur Verfügung und sind nur für ausgewählte Kunden zugänglich.

Weiter zugespitzt erscheint alles, wenn man bedenkt, was für ein Aufruhr um das geheime Modelabel gemacht wird – als handle es sich um ein schwerkriminelles Staatsverbrechen. In Systemneustart geht es nicht einmal um Industriespionage, sondern lediglich um das Ausfindigmachen einer Klamotte – absolut ungefährlich. Doch gehen die Charaktere mit vollem Ernst an die Sache heran und gefallen sich auch noch in ihrer Paranoia. Gibson inszeniert die Suche derart, als hinge die Modebrache davon ab. Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, dass sich der Aufwand nicht lohnt. Übertrieben-hysterisch.

Auch der weitere Verlauf des Buches nimmt eine ungemein verwirrende Abfolge. Denn Bigend ist natürlich nicht der Einzige, der hinter der Designerin der Hounds her ist. Aufeinmal mischen Mitstreiter in dem ganzen Plot mit, die als unliebsame Konkurrenten aus dem Weg zu räumen sind. Und damit ist das angebliche Ziel, etwas über Armeebekleidung ausfindig zumachen, ganz vergessen.
Warum sich die Beteiligten von einem ominösen Werbemagneten bevormunden, manipulieren und verfolgen lassen sowie zulassen, dass sie wie Spielfiguren aufeinander losgelassen werden, ist fraglich. Bigends Ziel im Sinne eines größeren Profits ist offensichtlich. Doch warum sich die ach-so-gewissenhafte Hollis, der beispielweise die geheime Identität der Hounds-Designerin am Herzen liegt, gerade mit Geld zu locken ist, ist genauso undurchsichtig wie der Grund für die Zusammenarbeit mit Bigend.
William Gibson verfügt über die erstaunliche „Kunst“, vage zu bleiben. Die Andeutungen und schwer fassbaren Phänomene führen zu Unklarheiten und Unvollständigkeiten.

Nicht nur der Leser, auch die Figuren haben keine Ahnung, was sich hier überhaupt abspielt und worum es im Grunde nun eigentlich geht. Um Gabriel Hounds oder Militärbekleidung oder Marketingstrategien? Damit wird auch unklar, was auf dem Spiel steht. Was interessiert dann noch die Geschichte?!
Seite 452 fasst dieses Desaster sehr gut zusammen:
„Verstehst du, was er da treibt?“
„Nein, aber es ist kompliziert.“
Alle sind in ein unentwirrbares Geflecht gegenseitiger Verdächtigungen und Intrigen verwickelt, was mehr Rätsel aufwirft, statt diese zu lösen. So plätschert die Romanhandlung vor sich hin und bietet Seite für Seite eine entfremdete Gegenwartsdarstellung.

Mit Blick auf eine Welt des Konsums hat das Buch in diesen Beschreibungen seine Stärken. Eine richtige Jacke scheint eine höhere Priorität zu haben als die Gefahren des Soldatentums. Milgrim macht den Leser auf seine Abhängigkeit von Labels und Äußerlichkeiten aufmerksam. Eine Wertigkeit von Dingen – wie absurd sie auch ist – ist letztlich die Grundidee des Buches. Es leuchtet ein, dass Gibson die Undurchschaubarkeit des Romans bewusst als Konzept gewählt hat. In dieser Form rudert das Buch jedoch immens aus, so dass jeder den Durchblick über das Geschehen verliert. Wer, wo, was genau sucht und wer gegen wen agiert, geht in der inhaltlichen Undurchdringlichkeit ganz verloren. Und damit auch die visionäre Kraft, für die Gibson damals Einstand.

A. G.

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