Bibliomania

Ob Steampunk-Fahrstühle, menschengroße Vogelkäfige vollgestopft mit stapelweise Büchern, futuristische Duschen, die an H.G. Wells „Zeitmaschine“ erinnern, oder Verkäuferinnen in ihrem Warten auf Godot-Outfit, die intertextuellen Verweise Gibsons in „Systemneustart“ sind zahlreich.

Es sind die einfachen literarischen Andeutungen und Seitenhiebe, die Gibson verwendet, um einerseits auf seine Vorgänger im Science-Fiction zu verweisen und um andererseits den Plot seines Romans an gewissen Stellen mit humorvollen Andeutungen aufzulockern. So fragt nicht nur Bigend Hollis im „Ton einer Anstandsdame aus einem Jane Austen Roman“, woher sie Garreth kennt, auch Sänger namens Bram und Band-Namen wie die Stokers werden von Gibson eingesetzt, um auf Liebesdramen im Musikbusiness zu verweisen. Was sonst sollte diese „Vampirnummer“ in Zusammenhang mit dem Bandnamen bedeuten? Und nicht nur Garreths Bein mit Namen Frank, sondern auch Milgrim, den „Bigend aus dem Wrack, dass er aufgelesen hatte, zusammenschusterte“, weisen auf „Frankenstein“ hin. Da verwundert es zumindest nicht mehr, dass das erste was Hollis über die Hounds herausfindet, ist, dass 1967 ein gleichnamiger Roman veröffentlicht wurde.

Eins steht fest: Intertextualität bildet den Rahmen des Romans. Gibson geht es darum „Systemneustart“ als Teil der literarischen Welt zu manifestieren und mit Botschaften, die fest im kulturellen Gedächtnis der Leserschaft verankert sind, zu spielen. Themen wie Verschwörungstheorien und Überwachung sind beispielsweise fest ins kulturelle Gedächtnis des Lesers eingeschrieben und diese Stoffe dystopischer Werke verwendet Gibson als Folie für sein Werk. Überall finden sich Peilsender, Wanzen und sowieso überwacht irgendwie jeder jeden. Dann ist es doch klar, dass der Leser insbesondere im Fall des ständig kontrollierten Milgrims, der versucht der Kontrolle zu entgehen und sich zu verselbständigen, automatisch an George Orwells1984“ denkt.

Überhaupt spielt das Lesen eine große Rolle, vor allem innerhalb des Plots. In gewissen Abständen begegnen einem meterweise Stapel von Büchern, wohin das Auge der Figuren sich nur wendet. An jeder Ecke findet sich ein Buchladen, der entweder Hollis oder Milgrim ins Auge sticht und „die Sehnsucht sich in einem Text zu verlieren“ in ihnen weckt. Oder sei es der Bibliothekskäfig im Cabinet, der mit aufeinander gestapelten Büchern gefüllt ist, bei denen es sich zu Hollis’ Freude nicht um bloße Requisiten handelt.

So werden zudem immer wieder die bibliophilen Neigungen der Charaktere ausdrücklich hervorgehoben. Nicht nur ist Hollis selbst Autorin eines Buches, auch Milgrim sehnt sich in der Dunkelheit seines Hotelzimmers nach einem Buch, denn die Comics, die er zuvor in einem Laden entdeckt hatte, liefern ihm „nicht die nötige Dosis an Wörtern“. Fatal: „Seine Therapeutin hatte einmal gesagt, Lesen sei seine Einstiegsdroge gewesen.“

Kommen wir zur Figur Hubertus Bigends: Hollis erfährt von Milgrim, das Bigend ihn wegen seiner ausgezeichneten Russischkenntnisse eingestellt hatte und Milgrim anfänglich hauptsächlich Literatur für ihn übersetzte. Also noch ein bibliophiler Charakter in Gibsons Roman. Viel interessanter ist aber der literarische Vergleich mit dem Gibson seinen heimlichen Held zu Anfang des Romans durch Hollis in Verbindung bringen lässt: „Ein stinkreicher, gefährlich neugieriger Kerl, der sich an dem zu schaffen machte, was die Welt im Innersten zusammenhält.“ Dieser Vergleich mit Goethes „Faust“ scheint nicht gerade zufällig zu sein. Bigend wird vornehmlich durch seinen Wissensdrang, seine nie endende Neugier charakterisiert und gleicht im Verlauf des Romans immer mehr einer Figur, die für die kleinsten Informationen ohne mit der Wimper zu zucken einen Pakt mit dem Teufel eingehen würde.

Ob nun bewusst gewollt oder nicht – Gibsons literarische Anspielungen sind auf jeden Fall interessant zu entdecken und bringen den literarisch erfahrenen Leser an einigen Stellen zum Schmunzeln. Gibson macht sich das kulturelle Gedächtnis des Lesers zu nutze und sein Roman erscheint vor allem durch humorvolle Andeutungen sympathischer.

E. K.

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5 Responses to Bibliomania

  1. Interessant finde ich dabei, dass all diese intertextuellen Verweise anscheinend so sehr im kulturellen Gedächtnis verankert sind, dass man sie schnell überliest – so ging es mir zumindest. Klar, bei manchen Verweisen war selbstverständlich sofort klar, was wie gemeint ist, und das fand ich auch sehr sympathisch, da musste ich dann doch schmunzeln. Ich finde deine Assoziation zu „Frankenstein“ im Zusammenhang mit Garreths Bein und Milgrim übrigens gelungen – wenn Gibson sich das auch dabei gedacht hat, hat sein Buch vielleicht sogar noch etwas mehr Tiefe.

    • Anna B. says:

      Gibson zieht den Frankenstein – Vergleich selbst: „Als sie ihm half, sich abzutrocknen, hatte sie etwas mehr von Frank – „Frankenstein“ – zu sehen bekommen.“ (Seite 370)

      Gerade das finde ich sehr amüsant, da es ja eine besondere Assoziation beim Leser im Bezug auf Garreths Behandlung und auf die moderne Medizin hervorruft.

  2. Anna B. says:

    Mich erinnert die Suche nach Gabriel Hounds außerdem an die Suche nach dem Heiligen Gral. In dem Falle wäre Bigend König Artus und Milgrim und Hollis seine Ritter auf „aventiure“.

  3. hinzk says:

    Ich muss auch gestehen, dass ich so manches, das du in deinem Artikel benannt hast, schlichtweg überlesen habe. Vielleicht liegt/lag es daran, dass ich Gibson nicht allzu viel zugetraut habe…

  4. hinzk says:

    Mit ein wenig Fantasie, könnte man die Suche nach „Gabriel Hounds“ auch als Anspielung auf Harry Potter und der Suche nach den „Deathly Hollows“ sehen – alle wollen sie und zunächst findet sie niemand und am Ende schafft Holly es doch, die Suche erfolgreich zu beenden, ohne das Wissen um die begehrte Geheimmarke für sich selbst nutzen zu wollen.

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