Der Schlüssel zu Systemneustart

„Gibson lesen heisst, unsere Gegenwart als bereits eingetretene Zukunft zu begreifen.“ (New York Times) – Bullshit.

Wie vielerorts schon anklang heißt Gibson lesen, scheinbar gar nichts zu begreifen.
Er stellt uns vor ein Kuriosum, das sich vielleicht nur mit Milgrims  Irritation in der Gay Dolphin Gift Cove vergleichen lässt. Es ist bunt, es ist grell und blickt man hinter die Leuchtreklame ist es doch nur 08/15?

Nein ich denke nicht – vielmehr scheint mir, entsteht dieser Verblendungseffekt aus den Neonfarben mit denen Gibson uns als Leser karikiert. Wie gestaltet sich das Bild unserer Zeit, was ist ein allgegenwärtiges Charakteristikum unserer Generation, was macht den gläsernen Menschen aus?

Das Internet.
Seit der Entdeckung des Feuers durch unsere Vorfahren mag nur wenig unsere Zivilisationsgrundlagen so verändert haben. Soziale Kontakte werden durch Facebook-Freundschaften generiert, Diplomatie über Wikileaks entschieden beeinflusst und selbst Revolutionen sind, wie wir seit Stirb Langsam 4.0 wissen, nur noch spärlich eine Frage der Hardware.
Warum also sollte das Internet nicht auch die Funktionsweise von Büchern infiltrieren?
Liegt es nicht auf der Hand sein iPhone zu greifen und mal eben nach zu schauen, was das WorldWideWeb zu der Sache zu sagen hat – wo man doch explizit dazu aufgefordert wird?
Was geschieht, wenn man den Namen Milgrim googelt und ein wenig durch die Informationsflut zappt? – Ein kleiner Rat, versuch es mit Stanley Milgram, Du wirst überrascht sein.
So Du es nicht schon infolge von Gibsons Aufforderung getan hast dürfte Dir nun klar sein, dass die Leuchtreklame „Systemneustart“ nur ein Link ist, gleichsam eine Zauberschachtel, welche unter dem doppelten Boden ihr Geheimnis verbirgt.

Welche Inhalte und Kritiken, welche Persönlichkeitsstrukturen mögen sich noch hinter den augenscheinlich willkürlichen Bezeichnungen verbergen?

Just ‚Enter‘.

S.R.

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One Response to Der Schlüssel zu Systemneustart

  1. S.M. says:

    Und doch sind es genau diese „Neonkarikaturen“, die „Gibson lesen“ so echt und gewaltig machen. Er zeigt uns das, was eigentlich schon um uns herum existiert in einer unheimlichen Essenz auf und macht uns damit auch klar, dass in der heutigen Zeit keine Zukunftsvisionen mehr nötig sind, wie er sie uns in den 80er Jahren mit dem Cyberspace beibringen wollte.
    Wir leben bereits in einer sich neu definierenden, futuristischen Zeit. Die Verwirrung, die dabei entsteht, ist nur eine Folge der Überlastung unserer Sinne durch einen so konzentrierten Input. Ich lese das Buch nun bereits seit geraumer Zeit und habe es bis jetzt noch nicht zu Ende gelesen, denn die Fülle an wunderbar echten und ehrlichen Beschreibungen unserer Welt, die Gibson durch dieses Buch manifestiert hat, drängt mich dazu, innezuhalten und es zu verdauen. Ich fühle mich, als würde ich vor unserer Gegenwart als grossartiges Kunstwerk stehen und dürfe es ohne vorherrschendes Zeitgefühl geniessen. Ein wunderbares Erlebnis.

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