Bigend: Big Boss oder Riesen-Baby?

Er ist eine Naturgewalt: unausweichlich und unberechenbar. Er ist der Strippenzieher im Hintergrund. Er ist der Big Boss und Herr über das Geschehen. Er ist Hubertus Bigend.

Als heimlicher Protagonist in William Gibsons „Systemneustart“ ist er als Figur ebenso zwielichtig wie faszinierend. In radioaktiv blaue Anzüge gehüllt taucht er auf, erteilt geheime Aufträge und verschwindet wieder im Hintergrund der Handlung. Schon nach seinem ersten Auftritt in „Systemneustart“ war mir klar: Wenn das dicke Ende kommt, wird er seine Finger im Spiel haben.

Aber was macht eigentlich die Faszination des Hubertus Bigend aus? Woher kommt der scheinbare Sog, der von dieser Figur ausgeht und dem sich bald kaum ein Charakter des Romans entziehen kann? Diese Fragen stellten sich mir als erste nach der Lektüre von „Systemneustart“. Nun gut: Bigend hat Geld. Selbst Hollis Henry, die sich schwört, dem exzentrischen Marketing-Genie fern zu bleiben, wird von diesem Argument schnell überzeugt. Bigend kauft Hightech-Drohnen, hält Anteile an Modegeschäften und bezahlt auf der Suche nach der Gabriel Hounds-Designerin Dienstreisen, deren Erfolg äußerst ungewiss ist.

Punkt zwei: Bigend hat Kontakte. In London, in den Staaten, in Paris, in der Mode- und Musikwelt, im Militär, überall. Jeder kennt ihn, niemand mag ihn, alle brauchen ihn – so ließe sich mein erster Eindruck von Bigends Verhältnis zu seiner Umwelt zusammenfassen. Im Fall Milgrim geht das Abhängigkeitsverhältnis sogar so weit, dass der Ex-Junkie als Bigends menschliches „Spielzeug“ bezeichnet wird, das (wie im Übrigen alle Angestellten des „Big Boss“) permanent unter dessen Kontrolle steht. Geld als Druckmittel, Macht durch Beziehungen und Kontrollsucht? Klingt nicht sehr sympathisch. Und die Tatsache, dass Heidi Bigend sogar nachsagt, er verspeise schon mal eine Bisamratte zum Abendbrot, macht diesen Eindruck nicht gerade ungeschehen.

Auf die erste Begeisterung für die Figur folgte bei mir also das Misstrauen. Denn betrachten wir es doch einmal von der anderen Seite: Was tut dieser Mann eigentlich? Er arbeitet nicht, er lässt arbeiten. Er recherchiert nicht selbst, sondern schickt Hollis Henry. Er programmiert nicht selbst, sondern beschäftigt Bobby Chombo. Er beobachtet noch nicht einmal selbst, sondern lässt sich von Milgrims Gespür für Details leiten. Die Gabriel Hounds-Designerin behauptet sogar, ihm fehle jeglicher Geschmack. Bigend kann anscheinend nur eines selbst: Er ist der Meister des Delegierens. Mit dringlichen Anrufen terrorisiert er seine Mitarbeiter zu jeder Tages- und Nachtzeit, um sie nach seiner Pfeife tanzen zu lassen und zerstört dabei so manche romantische Zweisamkeit. Eigentlich ein nervtötender Charakter.

Sein einziges Talent ist die Neugier: Bigend ist ein großes Kind, das aus purem Wissensdurst den Erdball nach nur einer einzigen Information durchkämmen (pardon, durchkämmen lassen) würde und sich teure Technik als Spielzeug leistet, bloß weil er sie haben will.

Beim näheren Hinsehen kam mir aber noch ein anderer Gedanke: Vielleicht ist es ja gerade die unsympathische Kombination aus Egoismus, kindlicher Neugier, wirtschaftlicher Macht und Kontrollsucht, die die Faszination Bigend ausmacht? Vielleicht funktioniert die Figur Bigend gerade weil man sie gleichzeitig verachten und bewundern kann? Sein Charakter ist möglicherweise so abstoßend, dass er Aufmerksamkeit unweigerlich anzieht: Er polarisiert. Denn schließlich üben auch die großen Krimi-Bösewichte und Bond-Schurken, mit denen Fiona Bigend zum Schluss vergleicht, eine solche Anziehungskraft aus. Vielleicht ist es aber auch schlichtweg die Tatsache, dass Bigend das Geschehen beherrscht, ohne jemals selbst zu handeln, dass er beinahe unsichtbar im Hintergrund bleibt und dennoch als Charakter so präsent ist.

M. M.

4 Responses to Bigend: Big Boss oder Riesen-Baby?

  1. F.K. says:

    Was mich an Bigend fasziniert hat, ist das Spielerische, Tastende, mit dem er seine Projekte betreibt. Es ist lange nicht klar, ob er aus persönlicher Neugier heraus handelt oder als Geschäftsmann. Und er ist doch eigentlich ziemlich unprätentiös, in seinem Auftritt, in seinem (direkten) Umgang mit den Mitarbeitern. Das Bedrohliche, Übermächtige dieser Figur verblasst, sobald sie selbst in Erscheinung tritt. War mein Leseeindruck. Niemand hat richtig Angst vor ihm, aber alle finden ihn irgendwie lästig. Das ist ziemlich untypisch für eine Figur dieser Dimension, für einen Charakter dieser Reichweite.

  2. Du hast sicher Recht damit, dass Bigend polarisiert, indem er zugleich Verachtung und Bewunderung auf sich zieht. Dabei denke ich, ist er der typische Antiheld, wobei sich jeder ein kleines bisschen wünscht, so sein zu können, wie er es ist. Denn wer hätte nicht gern das Geld, andere für sich arbeiten zu lassen und damit zugleich wieder Geld zu machen? „Er arbeitet nicht, er lässt arbeiten. Er recherchiert nicht selbst, sondern schickt Hollis Henry. Er programmiert nicht selbst, sondern beschäftigt Bobby Chombo. Er beobachtet noch nicht einmal selbst, sondern lässt sich von Milgrims Gespür für Details leiten (…) Er ist der Meister des Delegierens.“ Und das ist schon wieder so sympathisch im Buch dargestellt, dass es mir schwer fällt, ihn dafür zu verachten.

  3. hinzk says:

    Auf mich wirkt Bigend wie eine Art Charmeur, lästig, aber dennoch kann ihm niemand widerstehen. Ein Anruf genügt und Holly lässt sich dann doch wieder auf die Arbeit mit ihm ein…

  4. melaniehein says:

    Bigend wirkt auf mich wie ein Schachspieler, der die Figuren auf dem Brett scheinbar nach Belieben versetzt, aber im Kopf stets einen Masterplan besitzt, um sein Gegenüber Matt zu setzten. Die Faszination begründet sich daher für mich in dem Umstand, den Plan nicht zu kennen oder aber auch zu wissen, niemals in der Lage zu sein, ihn selbst zu entwerfen.
    Bigend schafft es als Spieler, das Risiko zu verharmlosen und dadurch zum Mitspielen zu ermuntern. Seine Anziehungskraft entspringt meines Erachtens dem Wunsch, das Spiel selbst lesen zu können.

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