Auf der dunklen Seite

Alles ganz schön zwielichtig in William Gibsons Systemneustart und vielleicht würde sich so mancher Leser wünschen, ein Reboot könnte etwas mehr Helligkeit hinter Plot und Personal werfen. Aber überall wimmelt es nur so von Verschwörungstheorien und dunklen Gestalten, die sich nicht wirklich offenbaren möchten. Und letztlich wartet hinter jeder Ecke das mögliche Big-End oder vielmehr der Bigend, ein wahrer Antiheld, bei dem nie geklärt scheint, auf welcher Seite er eigentlich steht. Alles schwebt irgendwo zwischen Recht und Unrecht und mit Hubertus Bigend zeigt sich ein Charakter, den man auch in einem Mafia-Thriller antreffen könnte.

Irgendwo in der Wüste der USA beginnt Gibsons Romangeschichte mit dem merkwürdigen Exjunkie Milgrim, der mit völliger Gleichgültigkeit das Design einer militärisch anmutenden Hose kopiert. Warum er das tut? Zunächst bleibt es ein Rätsel, aber es riecht stark nach Spionage und Milgrim gibt das ideale Lichtlein ab. Scheinbar ein Kleinkrimineller, der sich für andere die Finger schmutzig machen muss. Es verwundert daher wenig, dass dieser von einer Gestalt im Hintergrund gesteuert wird, die all seine Aktivitäten kontrolliert. Doch die Überwachungsmethoden, die hierbei zum Einsatz kommen, entstammen nicht dem Arsenal eines Kleinstadtmafiosis, sondern gehören wohl eher zum technischen Know-how eines Geheimdienstes.

Irgendwo im Großstadtdschungel London sitzt hinter der repräsentativen Fassade einer Agentur, vor der gepanzerte Limousinen parken, ein wahres Marketinggenie, Hubertus Bigend. Er ist der Mann, der in diesem undurchsichtigen Plot gerne die Fäden in der Hand hält, interessiert an der Gestaltung von Militärhosen und an der Identität der Designerin der Geheimmarke Gabriel Hounds. Warum er dies ist? Vielleicht ist es der lukrative Auftrag, den er sich aus der Kombination beider Elemente erhofft.

In der Zwischenzeit stolpert der Leser über in Paris lebende Oligarchen-Gattinnen mit eigenem Sicherheitsgorilla, Geheimdienst-Agentinnen und Waffenhändler. Und dann ist da auch noch Hubertus Bigends scheinbares Hobby, das Überwachen von Mitarbeitern. Die neuesten technischen Errungenschaften, die er hierfür nutzt, verklären jedoch seinen Kontrollwahn . Wer einen süßen Pinguin als Drohne einsetzt, beobachtet doch mit viel weniger krimineller Energie, oder etwa nicht? Und Selbiges gilt sicher ebenso für hässliche T-Shirts, die der Tarnung vor dem bösen Überwachungsstaat dienen. Schließlich ist das Auge des Staates ja auch immer überall und sammelt eifrig Datenmaterial.

Alles ganz schön diffus bisher? Stimmt, worauf ich hinaus will: Viele Szenen in Gibsons Roman spielen am Rande der Legalität, sind illegal oder vermitteln das Gefühl, jemand nehme es mit Recht und Gesetz nicht so genau. Etwas spiele sich im Dunklen ab.

Markenklau ist ja längst kein Kavaliersdelikt mehr, sicherlich besonders, wenn es um Militärkleidung geht. Gleiches gilt für das private Überwachen von Personen, um deren Aktivitäten und Standorte zu ermitteln. Trotzdem erweckt der Roman nur selten das Gefühl, hier geschehe etwas gegen das Gesetz. Es stellt sich die Frage, ob die Problematik hierbei ist, dass Dinge entwendet bzw. verwendet werden, die nur „virtuell“ existent sind, und zwar Ideen und Daten.

Das, was Hubertus Bigend nämlich eigentlich zu suchen scheint, ist nicht nur die Modeformel schlechthin, sondern der Trend von Morgen, das goldene Kalb des Marketings – Datenmaterial, das ihm einen Ideenvorsprung verspricht.: Wer früher mehr weiß, kann die Zukunft selbst gestalten.
Bigends Droge ist die Information, Bigends Rausch ist die absolute Kontrolle, Bigends Delirium ist der Besitz der Daten des Marktes. Er muss sich Fragen, auf welchen Wegen er in deren Besitz kommen kann. Sein Mittel hierfür heißt Technik. Alles scheint nur ein kleiner Hack, ein krimineller Akt – freilich- aber von Zuhause aus und mit weißen Handschuhen auf der Tastatur.

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2 Responses to Auf der dunklen Seite

  1. jupeu says:

    Gibsons Systemneustart scheint mir fast so, als hätte jemand die Black Pearl (Fluch der Karibik) in die heutige Zeit nach London gesegelt.
    In diesem Fall wäre Bigend Kapitän Jack Sparrow, bei dem man sich auch nie sicher sein kann, auf wessen Seite er gerade steht. Außerdem was für den einen der Hut ist, ist für den anderen der Anzug.
    Gabriel Hounds könnte man dann mit der Isla de Muerta vergleichen, die nur von denjenigen gefunden werden kann, die wissen wo sie liegt.
    Milgrims Pendant wäre dann Will Turner der von Jack (Bigend) Anweisungen erhält, aber über die Zusammenhänge und Ergebnisse net bescheid weiß!

  2. Sv.S. says:

    „Wer einen süßen Pinguin als Drohne einsetzt, beobachtet doch mit viel weniger krimineller Energie, oder etwa nicht?“
    Das kann durchaus sein, aber man könnte es genauso als eine überspitzte Darstellung der Überwachung, gerade in London, sehen. Gerade auch im Bezug auf die T-Shirts. Alleine diese Idee mutet so absurd an, dass sie als nichts anderes, als Kritik an der ständigen Überwachung gesehen werden kann.

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