Gibson zeigt Stil

Die gemeine Bevölkerung trägt Schildpatt. Brillengestelle aus dem Material eines Schildkrötenpanzers, die Farbkombination ähnlich der eines getigerten Katers. Daneben Nadelstreifenanzüge, T-Shirts mit diversen Aufdrucken und Tweedstoffe. Gibsons Romanpersonal entwickelt sich dabei vor dem inneren Auge als ein phantastisches Figurengebilde – zusammengewürfelt aus verschiedensten Stilen, von schwarzer Motorrad- oder Gothic-Kluft, über laubgrüne Militärhosen bis zu Bigends einmaligem, radioaktiv aussehendem Anzug in elektrisierendem Blau.

William Gibson hat in seinem neuen Roman ‚Systemneustart’ eine (modische) Welt geschaffen, die sich auf den ersten Blick nicht sonderlich von der unsrigen unterscheidet. Zunächst wimmelt es nur so von farbdurchdrungenen Detailschilderungen der Figurenbekleidung, doch nach und nach entwickelt sich ein modisches Potpourri, in einer Kombination, die wie eine Riesenweltverschwörungsformel mit Style-Niveau wirkt. Gibson wirft einiges zusammen – neben bekannten Marken wie Chanel, Gautier und Roberto Cavalli findet auch Militärkleidung ihren Einzug in die Modewelt. Allerdings in weiterem Umfang, als es uns von den wenigen Subkulturen bekannt ist, die hin und wieder gern einmal Tarnfarbenhosen oder Stahlkappenstiefel tragen. Gibson entwickelt diese Stil-Attitüde weiter: Militärkleidung ist in seiner Romanwelt nicht nur ein Streetwear-Trend, sondern beeinflusst die gesamte männliche Bekleidungsindustrie – nicht zuletzt, um weitere Freiwillige zu rekrutieren. Junge, männliche „Großstadtninjas“ sind zudem „ausrüstungsgeil“ und wollen sich über ihre Kleidung mit Soldaten identifizieren. Selbst die Markenbildung beruht laut Bigend, dem Chef der Werbeagentur „Blue Ant“, auf dem uniformen Militärdesign. Bisher wurde diese Bekleidung vom Militär selbst entworfen, doch diesem mangelt es zurzeit an den erforderlichen Qualifikationen. Um in die Branche groß einzusteigen und einen Auftrag vom Militär zu erhalten, benötigt Bigend, bereits bekannt aus den beiden Vorgängerromanen, also dringend einen Designer. Dabei sucht er sich ausgerechnet einen – bzw. eine – aus, die auf Marken sogar „allergisch“ reagiert.

Zur Umsetzung seines Plans heuert er eine „Armee“ von Mitarbeitern an – allen voran Milgrim, für dessen Drogenentzug er bei Bigend in der Schuld steht, und Hollis, die auf eine erneute Zusammenarbeit lieber verzichtet hätte, doch sich aus Geldmangel heraus überreden lässt, nach der Geheimmarke Gabriel Hounds zu suchen, unter deren Name Denim-Fashion hergestellt wird. Dieser Erzählstrang wirft ganz eigene Fragen um Individualität und Exklusivität bezüglich (modischer) Bekleidung auf. Die Gabriel Hounds-Ware aus tiefschwarzen, schweren Stoffen, mit speziellen Gummizügen und vom Stil her an Arbeitskleidung aus den 1920er- und 1930er-Jahren angelehnt, ist nur stark limitiert erhältlich, ihr wechselnder Verkaufsort wird nur Insidern auf streng-geheimnisvollem Wege preisgegeben. Die Antimarketingstrategie scheint zu funktionieren: Sobald ein Mangel – entweder an Informationen oder Materialien – suggeriert wird, steigen Interesse und Kaufkraft. Dass hier auch Kritik an der Modebranche geübt wird, gibt spätestens die Designerin der geheimen Marke auf den letzten Seiten zu erkennen. Und erklärt, dass es nun doch an der Zeit sei, an die Öffentlichkeit zu treten. Ein wenig enttäuscht dies doch, stellte Gibson doch bis dahin die wunderbar futuristische Möglichkeit auf individuellen Kleidungsstil in Aussicht. Wenn dann aber ein äußerst hässliches T-Shirt dafür zu sorgen vermag, dass sein Träger für Überwachungskameras „unsichtbar“ bzw. von ihnen „vergessen“ wird, ist die modische Futuristik doch wieder perfekt in Szene gesetzt. Und es wird sichtbar, dass es eigentlich um Tarnung geht: vor der Dazugehörigkeit, der Ausgrenzung, der eigenen Persönlichkeit und vor den ständig wachsenden Überwachungstendenzen. Hierfür dreht sich in Gibsons neuem Roman alles um Mode. Und das steht ihm ziemlich gut – auch ohne Schildpattbrille.

SiS

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One Response to Gibson zeigt Stil

  1. Kristina says:

    Dass exklusive Kleidungsstücke Interesse bewirken oder einen Hype auslösen ist ja auch in“ „unserer“ Welt der Fall. Manolo Blahnik Schuhe erhielten auch auch erst durch Sex and the City und der Reaktion der Protagonisten auf diese, derzeit noch unbekannten Schuhe, Aufmerksamkeit. Ähnlich ist das ja auch in Systemneustart, Gabriel Hounds wird dadurch interessant, indem jemand auf diese Marke aufmerksam macht und niemand zunächst weiß, worum es sich eigentlich dabei handelt.

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