Was soll das?

Den Geboten der Höflichkeit folgend, beginne ich nicht sofort mit dem Kritisieren, sondern stelle lieber heraus, was Gibson in meinen Augen am besten gelungen ist: der Anfang – das Schrecklichste ist das Beste. Konfusion, Personengewirr, Fach- und Markenbegriffe aus der Gegenwarts-Zukunft, dieses beständige what-the-hell-is-going-on-?!-Gefühl – all das erzeugt Interesse, Einzigartigkeit, es gibt dem Text eine eindeutige, wenngleich anstrengend verkritzelte Handschrift.

Doch was kommt dann? Ich lese weiter, nicht nur, weil ich muss, sondern auch, um den Figuren auf die Spuren zu kommen, ihre Identitäten zu entdecken, Tiefe in Plot und Charakterwelt zu finden. Es ist unbefriedigend. Die Figuren bleiben flach. Ex-Junkie Milgrim ist wohl noch derjenige, aus dessen Innerem wir die größten Rückschlüsse erhalten. Und doch bleibt auch er seltsam vage, fern, weniger wie ein Mensch aus der Realität denn wie einer aus eben einem schwachen Roman.  Auf der anderen Seite darf man diese Weichzeichnung des Charakters Milgrim durchaus als konsequent bezeichnen – wenn nicht einmal er selbst sich kennt, wieso sollten wir dann alles über ihn erfahren? Okay, Einwand akzeptiert.

Doch was ist mit Hollis? Warum erhalten wir kein Wissen über die Gründe der Bandtrennung, wieso sie das Kapitel The Curfew unangenehm berührt, weshalb es sie anfangs ganz und gar nicht begeistert, dass ihre Ex-Kollegin Heidi auftaucht? Ja letztlich ist die Innenschau sogar zu gering, um sich wirklich für Hollis zu freuen, als Garreth wieder in ihr Leben tritt. Die Figurenwelt des Romans ist so flach, die Charaktere wirken so fremd gesteuert und dem Zufall überlassen –  versetzte man sie in die späte Bronzezeit, könnten sie ebenso gut der Ilias entstammen. Vielleicht konzipierte Gibson dies bewusst, vielleicht will er damit eine Allegorie auf den Menschen des 21. Jahrhunderts ziehen – sei’s drum, mich langweilt’s über die Maßen!

Ebenso die Motivation der Handelnden: Warum kann Garreth nicht wenigstens mal eine SMS schreiben: „hey, babe, bin noch am leben – cu!“ Klar, das würde die Spannung raus nehmen, aber verdammt, so ist es nicht schlüssig! Wieso sieht sich Laubfrosch gleich gezwungen, völlig irrationaler Weise einen Kampf mit einem Panzer-Hummer einzugehen? Weshalb dreht dieser Gracie zum Schluss einfach durch und will mitten in London rumballern? Wieso, weshalb, warum. Was soll dieser ganze vage Unfug von wegen, Bigend fühle sich plötzlich größer und mächtiger an? Überhaupt hing mir Herb Grönemeyers Reibeisen während des Lesens beständig in den Ohren: Was soll das?!

Schließlich die Hintergründe der Handlung. Ich suche nach ihnen, schaue erst hier, direkt vor meiner Nase: Nichts, gehe weiter nach dort drüben, ja, dort links: Nichts, begebe mich dann ganz weit nach hinten an den Horizont: Nichts. Die Hintergründe bleiben unklar, das baut weder Spannung auf, noch befriedigt es den Leser, noch kann es aufgrund der Flachheit des Gesamtkonstrukts tatsächlich zu tiefgreifenden Überlegungen einladen. Für mich stellt sich die fehlende Versorgung mit Figuren- und Handlungshintergründen als Einfallslosigkeit dar. Gibson macht es sich allzu leicht, wenn er diesen Bestandteil eines literarischen Textes einfach entfallen lässt.

Fast alles im Roman ist allegorisch interpretierbar – das bringen Unbestimmtheit und Weichzeichnung natürlicherweise mit sich. Doch bleiben seine Figurenbeschreibungen so vage, dass jedwede Interpretation ins Paranoide abdriften muss, was zwar wiederum ein selbstironischer Querverweis auf das apophäne Grundmuster des Bigend-Zyklus sein mag, aber damit wird’s auch schon wieder paranoid.

Diese der-Text-kann-alles-und-nichts-sein-Attitüde fasziniert sicher so manchen – und grundsätzlich bin auch ich solchem nicht abgeneigt – aber sorry, Will, es tangiert mich in diesem Falle so gar nicht… Ich glaube, wenn nicht „William Gibson“ auf dem Cover geschrieben stünde, wäre das ein Schinken, den nicht einmal Gargantua verschlingen wollte.

10 Responses to Was soll das?

  1. elenakoe says:

    Da stimme ich völlig zu. Dafür, dass Gibsons Roman groß als Wirtschafts-Thriller angekündigt wurde, sind die Spannungsbögen ziemlich flach, was sich zum Ende sogar verschlimmert. Und Sätze wie „und [sie] küsste ihn noch ein wenig mehr, bis sie gleichzeitig lachten und weinten, und dann führte eins zum anderen“ (S. 438), toppen selbst die Twilight-Romantik.

  2. philipsass says:

    Wobei dieser Satz auch an der Übersetzung scheitern könnte? Möglicherweise war die englische Variante weniger peinlich und vielleicht auch eine Anspielung auf die Popkultur oder sonstwas?

  3. M.B.; says:

    Also auch ich muss dem teilweise zustimmen. die Entwicklung der Personen und vor allem der „Romanzen“ wirken absolut unausgereift und vor allem ohne jegliche Motivation der Handelnden.

  4. melaniehein says:

    Was das Personal angeht, wäre hier vielleicht einzuwenden, dass es ich um eine Trilogie handelt. Es wäre demnach möglich, dass die zwei ersten Bände den Personen einen Hintergrund geben und ihre Motivation sichtbar wird. Es stellt sich die Frage, inwieweit in Systemneustart Handlungsstränge aufgenommen werden.
    Die Figuren Milgrim und Hollis sind u. U. nicht losgelöst von ihrer Plotvergangenheit zu betrachten.

    • P.K. says:

      Absolut. Um das genau in Erfahrung zu bringen, müsste man auch den zweiten Band lesen. Wie ich allerdings den Kritiken zu „Quellcode“ entnehmen konnte, sieht’s dort ähnlich aus…

  5. hinzk says:

    Nicht nur Laubfrosch stellt eine irrational handelnde Person dar. Fragwürdig empfand ich auch Heidis Reaktion während der Verfolgungsjagd, die ohne Bedenken Dartpfeile auf Personen (in dem Fall Laubfrosch) wirft.

  6. jupeu says:

    Grundsätzlich bin ich auch ein Fan von Verwirrung am Beginn eines Buches. Ich muss net von Anfang an wissen, wer was gemacht hat. Im Gegenteil, Verwirrung kann was Feines sein. Aber ich finde, Will hat sich mit der Aufklärung au mächtig Zeit gelassen, mein lieber Schwan! Als Sleight und Milgrim am Anfang in Edge City rumspuken hab ich die ganze Zeit gedacht „wer ist das? ich will wissen wer das ist! gleich wirds bestimmt erklärt!“ Und anstatt mal ein paar Infos rüberwachsen zu lassen, hab ich erfahren mit welchem Stoff der Barhocker bezogen ist!

  7. Tobi says:

    cooler beitrag! gibson ist alt geworden, der macht keinen spass mehr!

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