Systemneustart und Zero History?

Ich gebe zu: Ich konnte nicht warten. Nicht, weil ich ein Fan von William Gibson wäre und brennend die Veröffentlichung seines neuen Buches erwarten würde. Vielmehr schien die Aussicht nicht gerade verlockend, als Vorbereitung für dieses Blog-Projekt die 480 Seiten des vorab zu erhaltenden Leseexemplars innerhalb von nur zehn Tagen vor Projektstart zu verinnerlichen. Also machte ich mich auf die Suche nach der englischen Ausgabe von Systemneustart, die ja schon erschienen sein musste. Dies stellte sich zunächst als gar nicht so einfach heraus, da eine Suche nach „William Gibson System Reboot“ sowohl mit als auch ohne Anführungsstriche keine relevanten Ergebnisse lieferte. Vielmehr musste ich feststellen, dass der Roman, um den es sich hier drehen soll, unter dem Titel Zero History – also „Null Geschichte“ – im September 2010 veröffentlicht wurde.

Ich bestellte also ein Exemplar. Der Rechnung zufolge, hatte ich nicht die Hardcover, sondern die „Hardback“-Version der UK-Ausgabe bestellt. „Hardback“ ist übrigens richtig – diese Ausgabe ist kein Hardcover, sondern hat einen Papiereinband, trotz allem aber die physischen Dimensionen eines Hardcovers.

Wie auch immer – auf schwarzem Grund strahlten mich die gelben und weißen, von futuristisch aussehenden Pfeilen und Linien durchzogenen Lettern groß an:

WILLIAM GIBSON
ZERO HISTORY

Zwei Wochen später hielt ich dann auch die deutsche Ausgabe des Buches in der Hand: Ein Hardcover mit einem blassgrauen Schutzumschlag, auf dem die künstliche Nachbildung einer menschlichen Hand zu sehen war. Augenscheinlich die einer Frau: Zusätzlich zu den vergoldeten Armeeabzeichen, die diese eher feingliedrige Hand hält, ist sie mit einer goldenen Armbanduhr sowie einem silbernen Ring (mit einer Schraube zusammengehalten) und einem silbernen Kettenarmband geschmückt. Wesentlich unscheinbarer als in der englischen Ausgabe, sind hier Autor und Titel in einer weißen Box in der unteren rechten Ecke abgedruckt. Schwarz auf Weiß:

William Gibson

SYSTEM
NEUSTART

Die erste Frage, die mir nach Erhalt der deutschen Ausgabe durch den Kopf ging: Warum die unterschiedlichen Cover? Amerikanische und europäische Geschmäcker mögen verschieden sein, weswegen es hier oft unterschiedliche Ausführungen gibt. Aber deutsche und britische? Würde das britische Cover hier nicht funktionieren? Aber eher noch, nämlich schon bei der Suche nach der englischen Ausgabe, stellte sich mir die Frage: Warum der unterschiedliche Titel? Nun habe ich zwar den Roman schon gelesen, aber tun wir einfach mal so, als wüsste ich noch nicht über dessen Inhalt Bescheid. Welche Assoziationen tun sich auf, wenn ich Zero History in dieser Ausgabe, in dieser Anmutung in der Hand halte? Welche Assoziationen bringt Systemneustart in diesem Gewand in mir hervor?

Meine englische Ausgabe kommt sehr technisch und funktional daher. Mit den Linien und Pfeilen und auch aufgrund der riesigen, klar geschnittenen serifenlosen Versalien erinnert es mich irgendwie an eine U-Bahn-Station oder an einen Flughafen oder ähnliche Orte. „Zero History“ also: „Null Geschichte“. Da William Gibson als Science-Fiction-Autor bekannt ist, wird das Genre des Romans sicherlich auch generell in diese Richtung schlagen. Vorstellen könnte man sich also einen Bruch mit der Geschichte, wie etwa nach einem Atomkrieg, wo in post-apokalyptischer Zeit alle Geschichte vergessen ist. Oder auch eine Person, die mit ihrer Geschichte gebrochen hat. Oder eine Person, die sich an nichts mehr erinnern kann. Der Titel könnte aber auch auf etwas ganz Neues hinweisen, dass es so bisher nie gegeben hat, weswegen einfach keine Geschichte vorhanden ist. Wie wahrscheinlich diese Prognosen sind, kann ich nicht sagen, da Systemneustart mein erster Roman von Gibson ist.

Wie sieht es nun mit der deutschen Ausgabe aus? Ich weiß nicht, ob ich mir dieses Buch mit diesem Cover gekauft hätte. Obwohl man Bücher nicht nach ihrem Aussehen beurteilen sollte, komme ich trotz allem nicht umhin, mir bei der Kaufentscheidung aufgrund der Ästhethik des Buchcovers ein Vorurteil zu bilden (Vielleicht ist das auch der Grund, weswegen alle Reclam- oder Suhrkamp-Hefte mehr oder weniger gleich aussehen). Cover-Gestaltung hin oder her, macht der Einband zunächst einen eher femininen Eindruck auf mich. Ist die beabsichtigte Zielgruppe also weiblichen Geschlechts, wo doch zumindest dem Klischee nach die Science-Fiction eher männliche Nerds anspricht? Bedenke: Die Hand, die hier abgebildet ist, ist eine Attrappe, wie sie einem Roboter oder Androiden gehören könnte, was auf den Science-Fiction-Charakter hinweisen könnte. Aber kommen wir zurück zum Titel. Um welches System soll es sich hier handeln? Wieso wird es neu gestartet? Handelt es sich vielleicht um ein politisches System? Oder handelt es sich gar um ein System mit dem Namen „Neustart“? Wie auch immer, bei „Systemneustart“ muss ich sofort an meinen Computer denken und an eine der Auswahlmöglichkeiten, wenn man in Windows auf „Herunterfahren“ klickt: „Neustart“.

Wie lassen sich diese Überlegungen nun auf den Inhalt des Buches übertragen? Um eine Revolution geht es nicht, zumindest nicht im herkömmlichen Sinn. Deutet „Zero History“ vielleicht darauf hin, dass Milgrim aufgrund seiner Tablettenabhängigkeit und anschließender Rehabilitation in diversen Kliniken und Sanatorien die Entwicklungen der letzten zehn Jahre mehr oder weniger „verschlafen“ hat und über das ganze Buch hinweg wieder neu lernen muss, sich in der Jetztzeit mit ihren technischen Neuerungen zurechtzufinden? Geht es darum, die Geschichte hinter sich zu lassen, wie Hollis, die zwar zunächst skeptisch über eine erneute Arbeit für Hubertus Bigend ist, alten Animositäten zum Trotz dennoch einwilligt? Welche Systeme werden neu gestartet? Geht dieser Neustart von Bigend aus, der dem Auftragsfluss des Marktes und damit der Kontrolle von Angebot und Nachfrage ein Stück näher gekommen zu sein glaubt? Seinen eigenen Worten nach würde eine absolute Voraussagbarkeit von Transaktionen den Markt zerstören, damit also das System von Angebot und Nachfrage ins Wanken bringen, was einen Neustart des Systems bedeuten könnte. Diese Annahme würde jedoch über das Ende des Buches hinaus weisen. Wenn man den Klappentext berücksichtigt, deutet die Hand auf dem Cover schon etwas auf den Inhalt voraus: Es geht um Militärkleidung, daher vielleicht auch die Abzeichen. Außerdem spielen Independent- und Luxusmarken eine Rolle. Daher vielleicht der Gold- und Silberschmuck?

In diesem Artikel wurden viele Fragen gestellt. Diese können wohl nur durch aufmerksames Lesen und individuelle Interpretation beantwortet werden. Oder auch durch das Befragen der zuständigen Übersetzer und Gestalter. Ich bin sehr gespannt, ob sich im Verlauf unseres Projekts vielleicht sogar eine Möglichkeit eröffnet, mit diesen Personen zu sprechen. Interessant wäre es schon, zu erfahren, was sie zu ihren Entscheidungen bewogen hat.

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3 Responses to Systemneustart und Zero History?

  1. Hubertus says:

    Ihr verdankt mir nicht euer Leben. Das ist nur ein Nebenprodukt. Eurer Neugier.

  2. F.X. says:

    Ehrlich gesagt, der Umschlag der englischen Edition ist mir lieber. Der deutsche sieht irgendwie eitel aus. Aber die Übersetzung selbst ist gut. Inhaltlich habe ich das Buch eben gut genossen 😉

  3. A. L. S. says:

    Es passen sowohl der deutsche als auch der englische Titel zu denen des ersten und zweiten Romans, denke ich, Gibson wird sich da wohl seinen Teil gedacht haben. Und den deutschen hat er wahrscheinlich auch abgesegnet, da der Übersetzer sich meist mit dem Schriftsteller abspricht. aber ist ja alles Geschmackssache.^^

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